Die Macht der Gefühle im Management: Neid, Stolz und Teamerfolg

Claus Peter Simon, geschäftsführender Redakteur des Magazins GEO Wissen, hat ein Buch über Emotionen verfasst: „Woher kommt die Liebe? Alle unsere klugen Gefühle – von Angst bis Vertrauen“. Der Begriff „Gefühle“ erweckt rasch die Assoziation von „Irrationalität“ – verschärft im Management. Ein erfolgreicher Entscheider in der Wirtschaft folgt seinem Verstand, seinem klug-kühlen Abwägen von Faktoren – so einer lässt sich doch nicht von Gefühlen aus der Bahn werfen!? Stimmt das so? Von Claus Peter Simon wollen wir wissen: Wie viel Gefühl braucht kluges Management? In Teil 3 des Interviews erkennen wir, dass Neid und Stolz in Fernost anders empfunden wird als in unserem Kulturkreis.

 
Jörg Wacha: Kommen wir nun zu einem Gefühl, das bei uns sehr schlecht beleumdet ist: Neid. Der Begriff „Neidgesellschaft“ hat sich etabliert für die diejenigen, die selbst nicht erfolgreich sind. Kann Neid auch sinnvoll sein?

Claus-Peter Simon: Oh ja, Neid ist ebenfalls ein gewaltiger Antrieb – das durchzieht übrigens alle Gesellschaftsschichten und Kulturen. Neid gesteht man sich meist zwar nicht gerne ein, weil man damit für den Beneideten als jemand gilt, der etwas haben will, was derjenige hat. Aber ohne  dieses Gefühl wäre die Menschheit nicht so weit gekommen.

Wissenschaftler unterscheiden allerdings zwischen gutartigem und bösartigem Neid. Der „gutartige Neider“ sagt sich: Das könnte auch mir so gehen wie dem Beneideten, ich sollte mich anstrengen, ihm nacheifern. Während der „bösartige Neider“ denkt: Das dürfte nur mir so gehen, ich wünschte der andere hätte nicht, worum ich ihn beneide.

Neid ist das Schmiermittel der Ökonomie

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Vor allem gutartiger Neid ist ein Antrieb, sich aus unwürdigen Lebensbedingungen zu erheben, bestehende Hierarchien infrage zu stellen, erfinderisch zu sein, Ziele zu haben. Neid erzeugt demnach Wettbewerb, führt dazu, dass Menschen bereit sind, viel Geld auszugeben. Wirtschaftswissenschaftler bezeichnen den Neid daher auch als Schmiermittel der Ökonomie.

Je mehr erstrebenswerte Produkte Menschen besitzen, desto mehr Neid und zusätzliche Kaufanreize entstehen. Daher spricht der Philosoph Peter Sloterdijk auch von einem »Neidkraftwerk«, das die Wirtschaft in Schwung halte. Gleichwohl sollten Unternehmen unter Kollegen nicht übermäßig viel Neid zulassen, ihn vor allem durch Bevorzugung von Einzelnen nicht schüren. Denn Studien zeigen, dass neidische Menschen, vor allem wenn sie über ein hohes Selbstbewusstsein verfügen, dazu neigen, das Arbeitsleben mit bestimmten Verhaltensweisen zu torpedieren. Sie wollen, auch wenn ihnen das nicht bewusst ist, dadurch ihrem Empfinden nach faire Bedingungen wiederherstellen.

Gefährliche Topperformer: Starkult bremst aus

Daher ist es für ein Unternehmen auch eine nicht ungefährliche Strategie, Stars der eigenen Branche als Topperformer zu verpflichten. Dies vermag manche zu ebenfalls guten Leistungen zu motivieren, ein übergroßer Starkult kann aber auch dazu führen, dass man sich gegenseitig behindert.

 

Jörg Wacha: Und zum Schluss noch der globale Blick. Sie beschreiben kulturelle Unterschiede im Wechselbezug von Gefühl und Situation; nennen Sie uns bitte ein paar Beispiele.

Claus-Peter Simon: Grundsätzlich sind Emotionen universell anzutreffen, es gibt also nicht völlig unterschiedliche Gefühlswelten etwa zwischen Deutschen, Chinesen und Tongaern. Alle Kulturen dieser Welt können Basisemotionen wie Angst, Freude, Ärger, Trauer, Ekel und Überraschung eindeutig bei anderen Menschen identifizieren. Aber dennoch gibt es gewisse kulturelle Unterschiede, die auch im Wirtschaftsleben eine Rolle spielen.

Bei Verhandlungen schlägt in unserem Kulturkreis ein verärgerter Beteiligter meist mehr heraus als jemand, der ungerührt erscheint. Asiaten allerdings machen einem verärgerten Verhandlungspartner gegenüber weniger Konzessionen, denn bei ihnen gehört es nicht zur kulturellen Norm, Ärger offen zu zeigen.

Asiaten sind stolz aufs Teammitglied, wir auf uns

cp_simon_buchcoverUnd generell sind Menschen aus westlich-individualistischen Gesellschaften auf das, was sie persönlich erreicht haben, stolzer als Asiaten, die sich eher als Mitglied einer Gemeinschaft empfinden. Diese wiederum sind stolzer als Menschen aus dem Westen, wenn beispielsweise einer der ihren ausgezeichnet wird, etwa den Nobelpreis bekommt.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Gewichtung beziehungsweise Bewertung positiver und negativer Gefühle, etwa bei der Kindererziehung. Koreaner beispielsweise zeigen ihre Emotionen weit weniger offen als US-Amerikaner:  Erstere sagten zu ihren Kindern kaum einmal: »Das hast du gut gemacht!«, sondern eher mit »Das hättest du besser machen können!«.  Während US-Eltern dagegen meist mit einem »Prima gemacht« reagierten, selbst wenn das Ergebnis mittelmäßig war.

 

Vorsicht vor Fehlinterpretationen: Kühles Nordlicht?

Allein die äußere Wahrnehmung von Emotionen kann allerdings zu Fehlinterpretationen fühlen, etwa wenn Menschen südlicher Länder generell emotionaler und temperamentvoller erscheinen als ein vermeintlich kühles Nordlicht. Denn für die innerlich erlebten Emotionen gilt das nicht, wie eine Studie nachweisen konnte: Spanierinnen drücken ihre Emotionen in Gemeinschaft mit anderen zwar sehr expressiv aus. In Situationen, in denen sie allein waren, berichteten sie jedoch von einer ganz ähnlichen Gefühlsintensität wie deutsche Frauen in vergleichbaren Situationen. Menschen verfügen also über ein grundsätzlich ähnliches Repertoire an Emotionen – wobei sich die Gefühle Einzelner aber unterschiedlich ausformen.

Das Buch von Claus-Peter Simon

Teil 1 des Interviews: Führen mit Gefühl

Teil 2 des Interviews: Wenn Angst beflügelt

Jörg Wacha

Über den Autor 

Joerg Wacha, Partner der DETEGO GmbH & Co. KG, hat einen Arbeitsschwerpunkt in der Beratung von Vertriebsorganisationen mit der Zielsetzung einer kundenorientierten Kultur sowie der Gestaltung komplexer und anspruchsvoller Veränderungsprozesse. Beim Führungskräfte-Coaching arbeitet er mit Potenzialanalysen.

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  1. Emotionen im Management: Der Topperformer und d... - […] Neid hat einen hässlichen Beiklang, klingt nach etwas missgönnen. Dabei kann Neid konstruktiv den Leistungswillen anstacheln: So gut will…

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