Die Macht der Gefühle im Management: Somatische Marker im Entscheidungsprozess

Claus Peter Simon, geschäftsführender Redakteur des Magazins GEO Wissen, hat ein Buch über Emotionen verfasst: „Woher kommt die Liebe? Alle unsere klugen Gefühle – von Angst bis Vertrauen“. Der Begriff „Gefühle“ erweckt rasch die Assoziation von „Irrationalität“ – verschärft im Management. Ein erfolgreicher Entscheider in der Wirtschaft folgt seinem Verstand, seinem klug-kühlen Abwägen von Faktoren – so einer lässt sich doch nicht von Gefühlen aus der Bahn werfen!? Stimmt das so? Von Claus Peter Simon wollen wir wissen: Wie viel Gefühl braucht kluges Management? In Teil 1 des dreiteiligen Interviews wird deutlich, dass erst Gefühle unser Denken zu einem Ergebnis führen – und dass ohne Vertrauen im Management gar nichts läuft.

 
Jörg Wacha: Welche Rolle spielen Gefühle für unser Denken und Handeln generell?

Claus Peter Simon: Eine kaum zu unterschätzende! Und eine überlebenswichtige. Wer beispielsweise in keiner Situation Angst empfinden könnte, würde nicht alt werden. Vor Urzeiten wäre er rasch Raubtieren zum Opfer gefallen, heutzutage könnte er sich nicht im Straßenverkehr bewegen. Und jemand, der sich vor nichts ekeln würde, könnte sich auch nicht vor giftigen oder verdorbenen Nahrungsmitteln schützen.

Ohne Neugier würden wir noch in Höhlen hausen

Ohne Neugier wiederum würden wir wohl noch in Höhlen hausen, könnten schwerlich Neues denken. Und ohne Empathie und Liebe hätten sich die Menschen nicht so erfolgreich in Gruppen organisieren und fortpflanzen können. Insofern kann man sagen, dass Gefühle maßgeblich zum evolutionären Erfolg des Menschen beigetragen haben.

 

Jörg Wacha: Können wir ohne Emotionen besser entscheiden?

Claus Peter Simon: Ohne Gefühle können wir praktisch gar nicht mehr entscheiden. Das zeigte sich exemplarisch anhand eines bekannten Falls, den ein amerikanischer Neurologe beschrieben hat: Dessen 40jähriger Patient war klug und eloquent, aber wegen eines Tumors hatte man ihm jenen Bereich des Hirns herausoperiert, in dem Emotionen verarbeitet werden. Seither grübelte er stundenlang über uns banal erscheinende Dinge, etwa ob er sich zuerst waschen oder doch besser rasieren sollte, verglich stundenlang die Vor- und Nachteile von Restaurants, in denen er essen gehen wollte. Als der Neurologe ihm Fotos brennender Häuser und ertrinkender Menschen zeigte, blieb er völlig unbeteiligt. Sein Gefühlsleben war offenbar zum Erliegen gekommen.

Flaues Gefühl im Magen, Kloß im Hals?

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Ohne Gefühlsleben können wir aber gar nicht alle Pros und Kontras rational abwägen, bei den zahllosen Entscheidungen, die wir ständig treffen müssen. Liefe dieses nicht quasi automatisch ab, wären wir nicht in der Lage, den Alltag zu bewältigen. Es ist wohl so, dass unser Gehirn bei Entscheidungen auf eine Art Bibliothek von Erfahrungen zurückgreift, die mit bestimmten Emotionen verbunden sind – sie werden auch „somatische Marker“ genannt. Bei wichtigen Entscheidungen machen die sich deutlich bemerkbar: Etwa durch ein flaues Gefühl im Magen oder einen Kloß im Hals, wenn wir intuitiv spüren, dass diese Entscheidung falsch wäre – oder durch eine Leichtigkeit im Kopf, wenn wir sicher sind, dass es eine richtige Entscheidung ist.

 

 

Jörg Wacha: Emotionale Intelligenz ist zum Modewort geworden.  Welche Rolle spielt sie im Arbeitsleben und im Management?

Claus Peter Simon: Beim IQ ging es ja rein um kognitive Fähigkeiten. Mit dem EQ (Emotional Quotient) hat der US-Psychologe Daniel Goleman den Intelligenzbegriff gewissermaßen um eine Gefühlskomponente erweitert. Der EQ nimmt, so Goleman, anders als der IQ mit der Lebenserfahrung zu und kann aktiv bis ins hohe Alter weiterentwickelt werden. Dazu zählt die Fähigkeit, Emotionen anderer Menschen richtig wahrzunehmen und zu verstehen.

Emotionale Intelligenz: Schlüsselqualifikation für Führungskräfte

Damit wird klar, dass so etwas im Arbeitsleben essentiell ist, vor allem wenn es um anspruchsvolle Tätigkeiten geht, bei denen man im Team arbeitet. Früher glaubte man oft, nur mit Kontrolle und Druck zu guten Ergebnissen zu kommen. Heute hat sich zum Glück meist ein neuer Umgangston durchgesetzt – und soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz haben sich zu einer Art Schlüsselqualifikationen für Führungskräfte entwickelt.

 

Jörg Wacha: Noch ein bisschen spezieller gefragt: Welche Rolle spielen Gefühle in einem Veränderungsprozess im Unternehmen? Oder noch etwas anders gefragt: Welche Gefühle spielen eine Rolle im Veränderungsprozess? Und was bedeutet das für das Change-Management?

Claus Peter Simon: Die beiden wichtigsten Gefühle sind sicherlich Angst und Vertrauen. Denn fast jeder Veränderungsprozess, der nicht von einem selbst in Gang gesetzt wird, ist zunächst mit Befürchtungen verbunden. Und je weiter weg Entscheidungen getroffen werden, desto angstbesetzter, weil gefühlt anonymer, ist so ein Vorgang. Es macht also einen Unterschied, ob der direkte Vorgesetzte die Veränderung verkündet oder einleitet oder die Zentrale in einer anderen Stadt oder ein Finanzinvestor aus dem Ausland.

Vertrauen ist der Kitt menschlicher Gemeinschaften

Genau andersherum verhält es sich mit Vertrauen. Je näher einem Mitarbeiter der Entscheider ist, desto mehr Vertrauen ist möglich. Vertrauen ist aber keine Einbahnstraße, auch das Vertrauen des Managers gegenüber den Mitarbeitern ist enorm wichtig, denn kaum etwas kann einen Menschen mehr stärken in seinem Tun, als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt. Ohnehin ist Vertrauen so etwas wie ein Kitt menschlicher Gemeinschaften. Und je ausdifferenzierter ein Beziehungsgefüge ist – und Unternehmen sind ja oftmals sehr komplex – desto wichtiger ist Vertrauen.

Das Buch von Claus Peter Simon

Teil 2 des Interviews: Wenn Angst beflügelt

Teil 3 des Interviews: Gelb vor Neid?

Jörg Wacha

Über den Autor 

Joerg Wacha, Partner der DETEGO GmbH & Co. KG, hat einen Arbeitsschwerpunkt in der Beratung von Vertriebsorganisationen mit der Zielsetzung einer kundenorientierten Kultur sowie der Gestaltung komplexer und anspruchsvoller Veränderungsprozesse. Beim Führungskräfte-Coaching arbeitet er mit Potenzialanalysen.

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5 Kommentare zum Beitrag: “Die Macht der Gefühle im Management: Somatische Marker im Entscheidungsprozess”

  1. Wunderbar! Emotionen machen natürlich auch vor Führungskräften nicht halt. Das ist pure Neurobiologie. Und Führungskräfte, die diese inneren Mechanismen besser verstehen, haben klar einen „psychologischen Innovationsvorsprung“. Und damit auch die von ihnen geleiteten Teams, Abteilungen und Unternehmen.

    Somit sollten bei exzellenten Führungskräfte-Coachings vor allem auch die Emotionen im Fokus stehen, denn die besten Führungskräfte haben gut entwickelte Fühlungskräfte! Emotionale Intelligenz ist nicht nur ein Schlagwort, sondern ein wichtiger Persönlichkeitsaspekt eines erfolgreichen Unternehmers und einer exzellenten Führungskraft! „Vorsprung durch Fühlung“.

    Herzliche Grüße und vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag.

    André Kellner

    • Lieber Herr Kellner,
      wir freuen uns über Ihre spontane Reaktion zu diesem Beitrag und Ihr Lob! Sehr gut gefällt mir Ihr Wortspiel „Führungskräfte und Fühlungskräfte“. Wie unser Interviewpartner Claus Peter Simon es im Titel seines Buches ja wegweisend ausdrückt: „Alle unsere klugen Gefühle“.

      Wie außerordentlich wichtig auch Gefühle wie Angst, Vertrauen, Neid und Stolz im Management und in der Mitarbeiterführung sind, können Sie in Kürze hier im Blog in den Interviewteilen 2 und 3 lesen,

      es grüßt Sie herzlich Katharina Daniels (Redaktion leadership-in-change)

      • Liebe Frau Daniels,

        als Psychodynamischer Gestalttherapeut, Psychologe und Coach bin ich froh und dankbar, dass diese Themen nun mehr und mehr auch auf Entscheiderebene Einzug halten. Ich freue mich auf weitere Beiträge aus Ihrer Redaktion.

        Burnout und andere Leistungserkrankungen haben ja häufig auch etwas damit zu tun, dass Menschen sich lange ihren Emotionen und innerem Feedback verschlossen haben. Zu diesem und anderen psychologischen Themen können Sie gern auch unter meinem Blog nachlesen:

        http://www.andre-kellner.de/blog/

        Herzliche Grüße und eine besinnliche Weihnachtszeit.

        André Kellner

  2. Lieber Herr Kellner,
    haben Sie vielen Dank für ihre positive Reaktion auf das Interview.
    Nur eines möchte ich gerne ergänzend anmerken: Wenn jemand die Emotionen anderer Menschen gut lesen kann, so ist das nicht zwingend gleichbedeutend mit einem verantwortungsbewussten oder menschenfreundlichen Handeln.

    Auch hier haben wir es mit einer klassischen „dual-use“-Problematik zu tun. Einfühlungsvermögen lässt sich im schlimmsten Fall auch höchst manipulativ einsetzen, denkt man nur an so einige Sektenführer.
    Herzliche Grüße,
    Claus Peter Simon

    • Lieber Herr Simon,

      da gebe ich Ihnen absolut recht. Hier unterscheide ich zwischen „Einfühlungsvermögen“ und der Fähigkeit, Gefühle lesen zu können. Einfühlungsvermögen impliziert für mich eine humanistische, achtungsvolle Komponente, wobei dies im Wort selber so nicht enthalten ist.

      Herzliche Grüße aus München.

      André Kellner

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