Die Macht der Gefühle im Management: Zwischen Angst und Vertrauen

Claus Peter Simon, geschäftsführender Redakteur des Magazins GEO Wissen, hat ein Buch über Emotionen verfasst: „Woher kommt die Liebe? Alle unsere klugen Gefühle – von Angst bis Vertrauen“. Der Begriff „Gefühle“ erweckt rasch die Assoziation von „Irrationalität“ – verschärft im Management. Ein erfolgreicher Entscheider in der Wirtschaft folgt seinem Verstand, seinem klug-kühlen Abwägen von Faktoren – so einer lässt sich doch nicht von Gefühlen aus der Bahn werfen!? Stimmt das so? Von Claus Peter Simon wollen wir wissen: Wie viel Gefühl braucht kluges Management? In Teil 2 des Interviews erfahren wir, dass Angst erfolgreich macht und Vertrauen leistungsfördernd ist.

 
Jörg Wacha: Angst und Vertrauen: Gefühle, die im Arbeitsleben eine sehr wichtige Rolle spielen. Machen wir mal die gedankliche Kehrtwende: Was ist, wenn nicht der Mitarbeiter Angst hat sondern der Manager? Welcher Manager will schon als ängstlich gelten! Angst scheint das Todesurteil für Erfolg zu sein?

Claus-Peter Simon: Es ist wichtig, zwischen den verschiedenen Formen der Angst zu unterscheiden. Die eine ist krankhaft und behandlungsbedürftig, oft mit Depressionen verbunden. Dies kann sowohl das Berufsleben als auch das Privatleben völlig aus dem Lot bringen.

Der ängstliche Microsoft-Gründer Bill Gates

„Normale“, nicht krankhafte Ängste können jedoch gewaltige Kräfte freisetzen, einen regelrecht beflügeln. Es war ein gewisser Bill Gates, der von seinen Eltern im Alter von zwölf Jahren sogar zum Psychologen geschickt wurde, weil er so »schüchtern und schutzbedürftig« war, wie sein Vater sagte. Sein Lieblingsaufenthaltsort war lange Zeit der Keller, dort konnte er in aller Ruhe ein Lexikon Seite für Seite durcharbeiten. Was aus diesem ängstlichen Jungen wurde, wissen wir.

Überwundene Angst: Triebfeder des Erfolgs

Angst kann also eine mächtige Triebfeder im Leben sein. Denn wem es gelingt, seine Angst zu überwinden, der wird oft mit einem Glücksgefühl belohnt – und das verlangt nach ständiger Wiederholung. Man muss also nicht angstfrei sein, man darf sich nur nicht von seiner natürlichen Angst überwältigen lassen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Angst kann dann zu einem Motor werden, der ohnehin schon perfektionistische Menschen zur Höchstleistung anspornt. Ob in der Kunst, der Wissenschaft oder im Wirtschaftsleben.

 

Jörg Wacha: Kommen wir zum Gegengefühl der Angst: zum Vertrauen. In Managementbüchern wird zunehmend die Bedeutung von Vertrauen betont. Gemeint ist damit im Regelfall: Wie kann die Führungsebene das Vertrauen der Mitarbeiter erlangen, etwa darin, dass der Change-Prozess richtig und wichtig ist. Wir fragen jetzt mal umgekehrt: was ist eigentlich mit dem Vertrauen der Führungsebene in ihre Mitarbeiter? Was brauchen Führungskräfte, um ihren Mitarbeitern zu vertrauen?

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Claus-Peter Simon, geschäftsführender Redakteur GEO Wissen und Buchautor

Claus-Peter Simon: Vertrauen ist ja zunächst eine recht eigenwillige Emotion, es gibt anders als bei Angst oder Zorn keinen plötzlichen Ausbruch von Vertrauen, man wird auch nicht überwältigt von Vertrauen. Die Grundlagen, vertrauen zu können, entstehen beim Einzelnen normalerweise in der Kindheit – als Urvertrauen. Hat ein Mensch dieses niemals erworben, so schleppt er ein Urmisstrauen mit sich herum, was verschlossen und ängstlich macht.
Grundsätzlich fällt es natürlich leichter zu vertrauen, wenn man als Führungskraft sicher ist, dass die Mitarbeiter dies auch verdienen. Warum aber sollten wir überhaupt jenen „über den Weg trauen“, von deren Arbeitsleistung wir vielleicht nicht immer überzeugt sind?

 

 

Zu wenig Vertrauen, zu viel Kontrolle – und die Leistung sinkt

Wer nicht vertraut und zu stark kontrolliert, torpediert das Verantwortungsgefühl des Gegenübers. Denn warum auf ein gutes Ergebnis achten, wenn es schon der Vorgesetzte ständig tut und damit die Verantwortung für alles übernimmt, für das Scheitern wie für das Gelingen. Man ist nicht länger Herr seiner eigenen Leistung. Es gibt Studien, die zeigen, dass Mitarbeiter, denen Vertrauen entgegengebracht wird, weniger Fehler machen, weniger krank sind und Unternehmensentscheidungen besser mittragen.

Der Manager, der anderen vertrauen kann, ist gelassener

Natürlich darf Vertrauen nicht grenzenlos sein. Aber wer anderen grundsätzlich vertrauen kann, lebt auch selbst psychisch gesünder, kann negativen Stress besser verarbeiten. Interessant ist, dass es einen kleinen Geschlechtsunterschied gibt: Frauen zeigen im Durchschnitt etwas mehr Vertrauen anderen gegenüber, sie erwidern entgegengebrachtes Vertrauen auch eher. Dafür ist ihnen eine Beziehungsebene besonders wichtig, während Männern oft schon die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reicht.

Das Buch von Claus-Peter Simon

Teil 1 des Interviews: Mit Gefühl führen

Teil 3 des Interviews: Gelb vor Neid?

Jörg Wacha

Über den Autor 

Joerg Wacha, Partner der DETEGO GmbH & Co. KG, hat einen Arbeitsschwerpunkt in der Beratung von Vertriebsorganisationen mit der Zielsetzung einer kundenorientierten Kultur sowie der Gestaltung komplexer und anspruchsvoller Veränderungsprozesse. Beim Führungskräfte-Coaching arbeitet er mit Potenzialanalysen.

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3 Kommentare zum Beitrag: “Die Macht der Gefühle im Management: Zwischen Angst und Vertrauen”

  1. Wer durch Vertrauen führen kann, zeigt auch, dass er in sich ruht. Anderen vertrauen können, bedeutet nämlich auch eine gehörige Portion Selbstvertrauen. Nur wenn ich wirkliches, wahres Selbstvertrauen habe (im Gegensatz zu falschem Selbstvertrauen), kann ich auch anderen vertrauen. Das verhält sich im Prinzip genau so wie der Unterschied zwischen wahrem Selbstwert und falschem Selbstwert. Damit vereint diese Führungskraft auch die Attribute, welche für eine derartige Rolle notwendig sind. Wer durch Kontrolle führt, zeigt – unterschwellig – dass er (oder sie) Angst hat und unsicher ist. Um so größer das Kontrollbedürfnis, desto größer die dahinterliegende Angst.

    Das ist auch der Unterschied zwischen einer Führungskraft und einem Vorgesetzten.

    Letztlich geht es aber – wie immer im Leben – um Balance. Echtes Vertrauen und ein Schuss gesunder Kontrolle. 🙂

    Herzliche Grüße aus München.

    André Kellner

    • Joerg Wacha Joerg Wacha sagt:

      Wie so häufig steckt der Teufel im Detail, denn neben der Frage, wie ich als Führungskraft ‚wirklich bin‘, hängt die Entscheidung, ob der jeweilige Führungsstil als vertrauensvoll oder kontrollsüchtig wahrgenommen wird, auch vom Empfänger und seiner Wahrnehmungspräferenz ab.

      Während der Dauer- und Distanzorientierte Mitarbeiter die regelmäßigen Nachfragen seines Chefs aus derselben Grundstrebung als aufmerksame Wertschätzung empfindet und den vertrauensvollen, also lockeren Führungsstil einer Wechsel- und Nähegeprägten Führungskraft unter Umständen als Geringschätzung empfinden könnte, lehnt sich der Mitarbeiter mit einer Nähe-/Wechselausrichtung schon bei der geringsten, selbst interessiert gemeinten Nachfrage gegen ‚lästige Kontrollsucht‘ auf.

      Die wahre Kunst liegt meines Erachtens darin, seine eigene Grundstrebung zu kennen, die individuellen Führungsbedürfnisse der Mitarbeiter zu identifzieren und sich dann – quasi wie mit einer Fremdsprache – darauf einzustellen.

      Mit anderen Worten, für den ‚Schuss Kontrolle‘ die individuell angemessene Dosierung zu finden.

      Herzliche Grüße aus Wiesbaden

      Joerg Wacha

      • Lieber Herr Wacha,

        Sie bringen es sehr schön auf den Punkt. Letztlich braucht es hierfür eine gut ausgebildete Innen- und Außenwahrnehmung. Diese bekommen wir nur partiell mit auf den Weg und daher ist Selbsterfahrung und Coaching zur Persönlichkeitsentfaltung, meiner Meinung nach unerlässlich. Wie sagte Ervin Polster (amerik. Gestalttherapeut)so schön: „Psychotherapie ist zu wertvoll, um nur den Kranken vorbehalten zu sein“.

        Herzliche Grüße.

        André Kellner

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