Die Spirale menschlicher Evolution nach Graves und ihr Spiegelbild in Unternehmen

Wir meinen, wir seien unseren Vorfahren weit überlegen: wir denken, handeln und arbeiten global. Gestern noch in Saigon, sitzt so mancher Firmenlenker morgen schon in Sidney und wenige Tage später in New York. Was haben wir noch mit dem mit Bärenschurz bekleideten Jäger prähistorischer Zeiten zu tun? Weit mehr als wir glauben. Unsere Werte, die uns  – uns selbst oft nicht bewusst –  lenken, sind evolutionär bedingt. Wir schwanken zwischen Ich- und Wir-Kultur und daraus sind bestimmte Handlungsmuster entstanden.

 

 

Auf den amerikanischen Psychologen Clare Graves geht das Denkmodell der Evolutionsspirale zurück. Zuerst war da der vollkommen auf sich allein gestellte Vorzeitmensch, allein trotzte er den Naturgewalten, sammelte und jagte für seinen Lebensunterhalt. Es ging ums pure Überleben – der Vorläufer der Ich-Kultur.

Clare Graves hat die Evolution der menschlichen Werte als Gedankenmodell entwickelt. Danach pendeln wir immer zwischen einer Ich- und einer Wir-Kultur. Die Wertemuster von Macht, Ordnung, Leistung, Gemeinschaft und Integration haben noch heute großen Einfluss auf unser miteinander-Umgehen, gerade auch im Unternehmensumfeld.

Unsere in prähistorischer Zeit in uns angelegten Werte und Handlungslogiken bestimmen unser Handeln noch heute, gerade auch im Unternehmensumfeld.

Dann der Switch im Denken und Tun: Gemeinsam ließ sich doch vieles besser an, Aufgaben ließen sich aufteilen, der eine war begabter bei der Jagd, der andere beim Früchtesammeln – der Stamm war geboren und damit das Handlungsprinzip des Wir. Und bald stellte sich der Medizinmann als Verbindungsglied zu den höheren Mächten zur Verfügung: Die Geburtsstunde der Handlungslogik Macht als erster struktureller Ausdruck des Ich-Denkens und Handelns in unserer Evolution.

Von da an vollzog sich über die Jahrtausende hinweg ein stetiger Wechsel zwischen dem Ich- und dem Wir-Prinzip, in einer unaufhörlichen Weiterentwicklung und Differenzierung des Zusammenlebens in Form und Inhalt. Macht, Ordnung, Leistung, Gemeinschaft und Integration spiegeln die jeweilige Warte (Ich oder Wir) des sozialen Miteinanders. Die Integration bereits als höchste Stufe der Ich-Perspektive: Der Integrierende bindet je nach situativem Erfordernis das jeweils angemessene Wert- und Handlungsmuster ein; allerdings tut er dies – immer noch – aus einer individuellen Entscheidungsposition. Erst in der Gesamtheit aller Handlungslogiken, in der Transformation, lösen sich die Gegensätze von Ich und Wir auf.

» ‚Hier geht’s lang‘ hat als alleiniges Modell ausgedient «

Was heißt das für die Realität in Unternehmen? Für die jeweilige Unternehmenskultur, in der eine bestimmte Denk- und Handlungslogik vorherrschend ist? Je höher der Entwicklungs- und Bewusstseinsstand im Unternehmen ist, desto stärker zeichnen sich hier bestimmte Prozesse ab:

  • Das pure EGO-Denken (meine Boni, meine Anerkennung, mein Erfolg) nimmt in der aufsteigenden Werteordnung ab.
  • Generell erkennen die Akteure komplexe Strukturen als solche und damit die Chance neuer Handlungsspielräume.
  • Es wird nicht (mehr) versucht, Komplexität niederzuringen und Dinge zu vereinfachen, die nicht zu vereinfachen sind, ohne dass nicht an anderem Ort negative Konsequenzen drohten.

Es reicht nicht mehr, rein umsatzorientiert zu arbeiten, allein auf die Gewinnmaximierung zu schielen – einem  Unternehmensverständnis, das vorrangig in den Handlungslogiken Macht/Leistung angesiedelt ist. Bangladesh mit seinen Fertigungsfabriken hat es gezeigt. Dass Hunderte von Menschen sterben mussten, um Ware auf preiswertestem Niveau zu produzieren, kostet das Unternehmen mittelfristig auch seine Reputation und damit seine Wirtschaftskraft.

Ein weiteres Beispiel ist die Bankenkrise: Die Egozentrik der Player, das ausschließliche Vorteilsstreben für sich selbst, hat zum vorübergehenden Zusammenbruch einer ganzen Branche geführt.

Die Bilanz kann nur sein: Je komplexer sich die Herausforderungen in einer  Situation darstellen, desto mehr bedarf es des virtuosen Bespielens der Klaviatur unserer Handlungsoptionen. Das Diktum ‚hier geht’s lang“ hat als alleiniges Modell ausgedient. Ein erster Check, auf welcher Ebene des Denkens und Handeln dieses Unternehmen steht, ist der genaue Blick auf die Top-Leute: Geht es ihnen

  • um die eigene Bedeutsamkeit?
  • um den kurzfristigen Erfolg?
  • um Regelkonformität? Oder
  • um nachhaltiges Wirtschaften?

Weitere Beiträge zu Graves finden Sie hier:

Graves, Führungsverhalten und AU-Tage

Graves und die Social Media-Welt

Graves und die Antipathie gegen Teams

Graves in der Unternehmenskultur

Graves und der Ordnungsmensch

 

 

Ralf Seidel

Über den Autor 

Ralf Seidel, geschäftsführender Gesellschafter der DETEGO GmbH & Co. KG, fokussiert insbesondere auf Veränderungen in der Unternehmenskultur sowie auf Potenzialanalysen und die Entwicklung von Führungskräften. Seine Erfahrung in meditativen Prozessen setzt er auch im Coaching von Führungskräften ein.

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2 Kommentare zum Beitrag: “Die Spirale menschlicher Evolution nach Graves und ihr Spiegelbild in Unternehmen”

  1. twuertz sagt:

    Die Machtspiele sind altbekannt – und immer noch in vielen Unternehmen die Nummer Eins im Umgang miteinander. Keineswegs immer so offensichtlich wie „hier geht’s lang“.
    Macht, im negativen Sinn, zeigt sich auch, wenn im Erneuerungsdrang Bewährtes gering geschätzt oder gleich entsorgt wird.

    Macht sinnvoll einzusetzen, bedeutet meiner Ansicht nach, im Denken und Handeln Folgen einzubeziehen, die sich unmittelbar noch nicht zeigen aber mittelfristig aus einer kleinen Welle der Veränderung eine Sturmflut machen können.

    • @twuertz: Vielen Dank für Ihre Anmerkungen, ja, Macht hat (leider) fast ausschließlich einen negativen Klang, wird oft assoziiert mit Machtmissbrauch, Willkür usw. Wie schnell es geschehen kann, dass Macht den Machtinhabern ‚zu Kopfe steigt‘ erleben wir ja auch oft genug. Dabei gerät dann die positive Seite der Macht, nämlich der Gestaltungsspielraum, um etwas zu bewirken, aus dem Blick. Um etwas (positives) voranzubringen, bedarf es aber einer gewissen Einflussnahme eben Macht. Und diesen Gestaltungsspielraum dann konstruktiv auszufüllen, Geschehnisse zu antizipieren, den berühmten „Flügelschlag des Schmetterlings“ ins Denken einzubeziehen, erfordert eine reife Persönlichkeit, einen wirklichen Leader. Bei Graces wäre es der Transformer, der Erfahrung mit visionärer Kraft vereint.

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