Fehlerkultur in Unternehmen – hierzulande Fehlanzeige?

„Fehler machen gehört zum Lernen dazu“, wird regelmäßig von Eltern betont und von Psychologen begründet. Die Spannbreite des Themas Fehlerkultur oder fehlertolerante Unternehmenskultur in deutschen Unternehmen ist allerdings nach wie vor ziemlich groß: vom „Tabuisieren“ bis zum „Generieren eines groß angelegten Kulturprogramms“ ist alles anzutreffen.

 

 

 

Fehler machen und vor allem verantwortlich sein für Fehler, wird nach wie vor in unserem Kulturkreis mit beruflichem Misserfolg gleichgesetzt. Selbst in vielen Unternehmen, in denen der offene Umgang mit Fehlern gepredigt wird, wird am Ende dann aber doch lieber den Verursacher gesucht, anstatt die Ursache zu beheben.

 

Geringe Fehlerkultur im gesellschaftlichen Kontext

Ein offener und positiver Umgang mit Fehlern ist anscheinend gerade in unserer Gesellschaft sehr schwer. Der Rotstift des Lehrers in der Schule und Kinderbücher wie „Der Struwwelpeter“ haben uns schon als Kind vermittelt, dass Fehler schlimme Konsequenzen haben können. Fehler bzw. Fehlentwicklungen im Lebenslauf können die ganze Karriere verhageln.

Daher hält die Angst vor dem Versagen gerade in Deutschland viele Menschen davon ab, ihre Träume zu verwirklichen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen verurteilt werden. Es gibt kaum ein anderes Land, in dem Misserfolge so sehr geächtet werden wie hier.

 

Maßnahmenbündel zur Fehlervermeidung in Unternehmen

Viele Unternehmen generieren daher ganze Maßnahmenbündel zur Fehlervermeidung und wundern sich, dass Sie immer noch keine fehlertolerante Unternehmenskultur haben bzw. in Sachen Kreativität und Innovation hinterherhinken.

In den Vereinigten Staaten beispielsweise gibt es eine lebendige Fehlerkultur in Gestalt des „trial  & error“- Prinzips. Rückschläge und Scheitern wichtiger Projekte werden als ein notwendiger Entwicklungsschritt gesehen.

 

Es gehört Mut dazu, Fehler zu machen – und zu tolerieren

Bei Google lautet ein bekanntes Motto „ Lieber hinterher mal um Vergebung bitten, als vorher immer um Erlaubnis fragen.“ Bei diesem Satz zucken viele Führungskräfte in Deutschland zusammen. Es gehört Mut dazu, selber Fehler zu machen und seine Mitarbeiter Fehler machen zu lassen. Aus Angst vor Fehlern erledigt so manche Führungskraft wichtige Aufgaben dann doch lieber selbst. Das demotiviert nicht nur Mitarbeiter, sondern bindet auch wertvolle Ressourcen, die für die Mitarbeiterführung und Strategieentwicklung benötigt werden. Delegation wichtiger Aufgaben und das Vertrauen in die eigenen Mitarbeiter ist schon Fehlerprävention an sich.

 

Fehlerkultur fördert Kreativität und Innovation

Außerdem können sich nur in einer bewussten und reflektierten Fehlerkultur Kreativität und Innovation entfalten. Wenn Mitarbeiter den Großteil ihrer Energie daran setzen, sich mittels Checklisten oder Protokollen abzusichern, bleibt kein Platz mehr für die Entwicklung neuer oder besserer Produkte. Die Angst vor Fehlern lähmt uns, und der Anspruch alles zu kontrollieren, kostet uns nicht nur unglaublich viel Energie, sondern macht uns auch betriebsblind.

Bei Behandlungsfehlern im Krankenhaus oder Unternehmenspleiten können und müssen die Fehler genutzt werden, um aus ihnen zu lernen und sie in der Zukunft zu vermeiden. Entstandene Fehler können durchaus Möglichkeiten eröffnen, die man ohne ihr Eintreten nie hätte erkennen können. Das gilt für die Wissenschaft, für Unternehmen, die Kunst und unsere eigene Entwicklung.

 

Die Ursache des Fehlers ist entscheidend, nicht der Verursacher

Genauso wie eine Führungskraft Fehler zulassen und verzeihen sollte, kann sie von ihren Mitarbeitern erwarten, dass diese aus ihren Fehlern lernen. Für diese Lerneffekte ist nach einem missglückten Projekt der reflektierte und offene Umgang mit den Fehlern unverzichtbar. Es sollte nie um den Mitarbeiter gehen, der den Fehler gemacht hat, sondern um die mögliche Ursache für den Fehler und wie man das Gelernte fürs nächste Mal umsetzen kann. Dieses offene, sanktionsfreie Prinzip muss von allen Führungskräften bis hinauf in die Geschäftsführung überzeugend vorgelebt werden.

 

„Fail better“: Fehlerkultur statt Unterlasserkultur

Google führt hierfür nach jedem missglückten Projekt ein „Post mortem“ durch, eine Art Obduktion des Projektes. So weiß anschließend jeder, was passiert ist und was man nächstes Mal besser machen kann.

Selbst ein gescheitertes Projekt hat so einen Mehrwert für das Unternehmen und seine Mitarbeiter.

Je besser der Umgang mit Fehlern geregelt und je höher die Fehlerkultur entwickelt ist, desto schneller kann ein Team auch wieder zur anstehenden Arbeit zurückkehren.

Eine bewusste Fehlerkultur im eigenen Unternehmen zu etablieren, erfordert nicht nur Zeit und das Engagement der gesamten Führungsriege, sondern auch Mut, eine große Portion Vertrauen und die Einsicht, dass Fehler wirklich dazu gehören und wir ohne sie uns nicht oder zu wenig vom Fleck bewegen würden. Erst dann wird aus einer „Unterlasserkultur“ eine Unternehmer- oder Unternehmenskultur.

Samuel Beckett sagte es so: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better .”

Charlotte Krapp

Über den Autor 

Consultant bei der DETEGO GmbH & Co. KG, ist spezialisiert auf Change Management und Teamentwicklung. Besonderes Augenmerk legt sie auf die Vision und die Zielbilder eines Veränderungsvorhabens – und auf die Partizipation der Mitarbeiter an der Erarbeitung des gemeinsamen Entwicklungsziels.

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