Web 2.0 im Unternehmen: Bottom-up-Prozess oder reine Kosmetik?

„Digitale Revolution – ist Change Management mutig genug für die Zukunft“ fragt Capgemini Consulting in der gleichnamigen Studie. Die Unternehmensberatung kommt zum Schluss, dass „die digitale Transformation noch in weiter Ferne liegt, besonders wenn es darum geht, Mitarbeiter in den Veränderungsprozess einzubinden und einen Austausch über alle Hierarchiestufen hinweg zu ermöglichen“. Hm, für mich stellt sich da gleich die Frage: Wird da etwas in seiner Bedeutung und Wirkungskraft überschätzt? Und welche Voraussetzungen braucht es bei denjenigen, die mit Web 2.0 im Unternehmen arbeiten wollen – oder sollen?

 

Ich kann mich an einen Change-Prozess erinnern, da wurde gleich ein ganzes Redaktionsteam gegründet für die unternehmensinterne E-Kommunikation. Es gab regelmäßig einen Newsletter. Wenn dann aber mal Stichproben gemacht wurden, wer hat’s eigentlich gelesen, stellte sich raus, kaum jemand guckte da regelmäßig rein;

Web 2.0  im Unternehmen hat oft den Charakter einer Beschäftigungsmaßnahme, Hauptsache, wir haben was gemacht, zeigen, dass wir aufgeschlossen sind. Es dient außerdem der Selbstberuhigung, kann ja keiner sagen, es sei nicht alles mitgeteilt worden, was an Veränderungen ansteht.

 

Unternehmensinternes Facebook?

Web 2.0 im Unternehmen als eine Art unternehmensinternes Facebook? Ich kenne bisher kein Unternehmen, in dem das umgesetzt wird. Ich denke, da sind auch viele Befürchtungen, soll ich meine Meinung hier wirklich im Forum frank und frei sagen, wer guckt sich das dann an? Kann das für mich zur Falle werden, wenn ich zu offen bin? Also, ich bezweifle, dass Mitarbeiter sich unternehmensintern zu sensiblen Themen austauschen – auf Foren, die auch der Vorgesetzte sieht.

Die Problematik ähnelt ein wenig den vielfach fehlgeschlagenen Versuchen, digital unterstütztes Wissensmanagement in Unternehmen zu realisieren. Einzige Nutznießer dieser Projekte waren am Ende meist nur die externen Unternehmen, die die technische Realisierung verantworteten.

 

Bruce Springsteen und die lernende Organisation

Ich erinnere mich da eine besondere Stilblüte in einem großen Baumarktkonzern. Da wurden Prämien ausgelobt für die besten Ideen, um das Unternehmen weiter zu entwickeln. Die Vorschläge sollten in das speziell entwickelte Lotus Notes-System eingegeben werden. Dass da im ersten Release nur die Eingabe an sich, nicht jedoch die Qualität bewertet wurde, begriffen die Mitarbeiter schnell und kassierten relativ lange fleißig Prämien für den Hinweis auf z.B. das nächste Bruce-Springsteen-Konzert. Ein schönes Beispiel für eine ‚lernende Organisation‘.

Es ist halt nur allzu menschlich, aus solchen System eher etwas heraus holen zu wollen, als etwas hinein zu geben. Ich persönlich glaube nicht daran, dass durch die unternehmensinterne Nutzung digitaler Kommunikation wirklich ‚flächig‘ bottom-up-Prozesse gefördert werden.

 

Digitale Medien als Gradmesser der Unternehmenskultur

Ganz sicher sind digitale Medien und ihre Nutzung im Unternehmen ein guter Gradmesser für die herrschende Wertekultur. In einer ‚Leistungskultur‘ werden Mitarbeiter viel eher bereit sind, sich aktiv in das Web 2.0 im Unternehmen einzubringen und damit ihre Aufgeschlossenheit und Leistungsbereitschaft zu demonstrieren als in einer ‚Ordnungskultur‘, dort  will keiner offen aus der Gruppe heraustreten und seine Meinung als Einzelstimme kundtun.

Klar, vorbei kommt an solchen System niemand mehr. Setzt er sich doch sonst dem Verdacht aus, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein. Aber absehbar sehe ich darin wirkungstechnisch nicht mehr als eine kosmetische Vervollständigung des Instrumentenpaketes.

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Der alte Affe Mensch im Netz

Jörg Wacha

Über den Autor

Joerg Wacha, Partner der DETEGO GmbH & Co. KG, hat einen Arbeitsschwerpunkt in der Beratung von Vertriebsorganisationen mit der Zielsetzung einer kundenorientierten Kultur sowie der Gestaltung komplexer und anspruchsvoller Veränderungsprozesse. Beim Führungskräfte-Coaching arbeitet er mit Potenzialanalysen.

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4 Kommentare zum Beitrag: “Web 2.0 im Unternehmen: Bottom-up-Prozess oder reine Kosmetik?”

  1. Hallo Herr Wacha,

    freut mich, von Ihnen hier zu lesen. Ich bin über den Tweet von Katharina Daniels (@DanielsOnFly) auf Ihren Beitrag aufmerksam geworden. Sie kommentierte „Super Meinungs- und Streitthema: Web 2.0 im Unternehmen: Digitale Demokratie oder reine Kosmetik?“

    Ich kann in vielen Punkten nicht zustimmen. Zum einen habe ich als Personaler im Unternehmen eine facebook ähnliche Plattform mit Erfolg eingeführt und kenne auch sonst zahlreiche Unternehmen, die dies mittlerweile tun. Allerdings stimme ich Ihnen zu, dass es auf die Kultur im Unternehmen ankommt, ob diese Plattformen erfolgreich sind oder nicht, bzw. ob es dem Unternehmen vielleicht sogar gelingt, mit der Einführung einen Kulturwandel zu bewerkstelligen.

    Das wird bei vielen Einführungen unterschätzt und die Systeme liegen brach. Es muss bei der Einführung in die Kommunikation und Adaption durch die Mitarbeiter investiert werden und eine ggf. längere Zeit gerechnet werden, bis das System erfolgreich ist.

    Die nachrückende Generation legt zunehmend Wert auf ein auch technologisch gut ausgestattetes Arbeitsumfeld, mit der entsprechenden Unternehmenskultur und nicht als Kosmetik. Die Systeme haben ja einen weit größeren Nutzen als die reine Kommunikation über Unternehmensbereiche und Kontinente hinweg, über sie kann Projektmanagement, Wissensmanagement, etc. betrieben werden. Unternehmen, die schnelle Produktzyklen haben, kommen ohne die virtuelle Zusammenarbeit über solche Plattformen schon heute nicht mehr aus.

    Wir können das gern mal in Hamburg ausführlicher diskutieren, sollten Sie mal Zeit haben!

    Gruss
    Volker Seubert

  2. Joerg Wacha Joerg Wacha sagt:

    Hallo Herr Seubert,

    danke für Ihren Kommentar. Nun, ich sprach ja auch von meinen Erfahrungen und da ist mir so ein System bisher nicht operativ begegnet. Ein paar Experimente ja, aber als wirksames ‚Instrument auf Augenhöhe‘ mit anderen Instrumenten in einem Changeprojekt – nein. Ich freue mich aber zu hören, dass es andernorts offenbar schon gute Beispiele gibt und tausche mich sehr gern einmal persönlich dazu aus. Wie stimmen wir uns dazu ab?

    Einen Nachbrenner habe ich dazu auch noch. Wir sollten die aktuellen Tendenzen der sozialen Netze außerhalb der Unternehmen als mögliche Frühindikatoren nicht außer Acht lassen. Der Boom lässt doch erkennbar nach und es tummeln sich dort vermehrt ‚Voyeure‘, die zwar gern mal schauen, was die Leute so tun, selbst aber mit Postings eher zurückhaltend sind.

    Und einen anderen Aspekt habe ich in meinem Post ebenfalls nicht beleuchtet, den Risikoeffekt des Rufmords. Ich sehe da – bei allen Chancen, die natürlich auch ich sehe – vor allem das Risiko, dass Kollegen und/oder Führungskräfte mit ein paar Mausclicks via shitstorm gemobbt werden, nur weil einem gerade mal etwas quer liegt. Die Versuchung wird durch die Verfügbarkeit eines ’sozialen'(?) Netzes doch schon größer. Angesichts der Tatsache, dass – zumindest in den meisten Unternehmen die ich kenne – immer noch lieber übereinander geredet wird als miteinander, ein Aspekt, den man nicht außer Acht lassen sollte.
    Herzliche Grüße
    Joerg Wacha

    • Na ja, die Sache mit dem Shitstorm ist immer das Killer Argument. Nach außen muss ich meine Kommunikation dementsprechend managen und das Mehr an Offenheit damit, kommt meiner Ansicht nach dem Unternehmensimage sehr zugute. Ein paar schicke Werbespots, wie z.B. die der Commerzbank sind schön und gut, aber ob sich die Welt da drinnen wirklich geändert hat?

      Wenn Sie Shitstrom auf unternehmensinternen Plattformen meinten, da kann ich mir das in dem Ausmaß nicht vorstellen. Welcher Mitarbeiter würde im internen Netz schriftlich sein Mobbing hinterlegen? Das wäre dann eher konstruktives Feedback. Unternehmen, die sich verändern wollen, nehmen dies gern entgegen, sie würden es sogar fördern. Innovative Unternehmen benötigen sogar dieses offene Umfeld der Meinungsäußerung zur Kreativitätsentfaltung. Und ich wüßte wirklich nicht, warum es keine bottom-up Feedbackkultur geben sollte.

      Der Facebook Hype mag bei den Jüngeren abnehmen, die Bitkom Studie von Oktober letzten Jahres belegt aber eine weitere Zunahme der Nutzung sozialer Netzwerke in Deutschland, v.a. bei Männern und Älteren. Aktiv sind immer knapp 10% weniger. Die jüngere Generation wächst mit „Netzkommunikation“ auf und ist ein konstantes und schnelles Feedback gewohnt, das bringen sie mit in die Unternehmen, daher sehe ich hier keine Rückschlüsse auf abnehmende Relevanz für den produktiven Unternehmensalltag.

      Herr Kobs weiß, wo ich zu finden bin!

      • Joerg Wacha Joerg Wacha sagt:

        Lieber Herr Seubert,

        möglicherweise sprechen (schreiben) wir hier von zwei verschiedenen Dingen.

        a) Einsatz von sozialer Netzwerk-Technologie im Unternehmensalltag und

        b) Nutzung dieser Technologie als Instrument in einem Change-Prozess. Ich sehe da doch noch einen erheblichen Unterschied.

        Ich bezog mich ausschließlich auf Letzteres, vielleicht liegt da das Missverständnis.

        Ich bin davon überzeugt, dass – wie Sie schreiben – ‚innnovative‘ Unternehmen auf dieses Pferd setzen mögen. Aber wie viele Unternehmen können – ‚kulturell gesehen‘ – dieses Attribut wirklich für sich in Anspruch nehmen?

        Ich bleibe dabei, es wird noch viel Wasser den Rhein hinunter fließen, bis diese Technologie auf allen Hierarchieebenen als ernstzunehmendes Change-Tool akzeptiert ist.

        Ich werde mich über Herrn Kobs bei Ihnen melden.

        Gruß

        Joerg Wacha

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