Wendepunkte – brand eins Zukunftskonferenz

Es waren wirklich spannende Leute bei der diesjährigen brand eins Zukunftskonferenz, die am 26.5.2016 im Kraftwerk Bille in Hamburg stattgefunden hat. Es sollten Wendepunkte mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungen, Unternehmen und einzelne Schicksale diskutiert werden. Hier ein kleiner Einblick zu meinen Highlights.

 

 

 

Das große Ganze

Die globale Perspektive wurde mit Stephan A. Jansen (Präsident der Zeppelin-Universität), Hans Stoisser, Kilian Kleinschmidt, Manfred Füllsack, Daniel Häni und Caroline Seifert diskutiert.

Im Mittelpunkt standen dabei Fragen wie: Wie gelingt Europa ein neuer Blick auf Afrika? Wie werden soziale Innovationen möglich? Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen humanitärer Hilfe? Wie verändert die Automatisierung die Arbeitsgesellschaft? Was bedeutet Eigentum im 21. Jahrhundert? Und wie fühlt man sich im größten Start-up der Welt?

Für mich als Change-Expertin am interessantesten war das Statement von Stephan Jansen zu sozialen Innovation. Er zitiert Joseph Schumpeter aus der Innovationsforschung und betont, Deutschland wird bei der Digitalisierung kein Keyplayer sein. Vielmehr könnten und sollten wir unseren Fokus auf soziale Innovation legen. Das heißt: Beziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt stellen und den Anderen und zwar durch: Inklusion, Respekt, Offenheit und Vertrauen! Das hört sich doch sehr gut an – es gibt viel zu tun.

Beeindruckt hat mich auch Caroline Seifert. Die ehemalige Telekom-Managerin ist seit 2015 bei JIO – „dem größten Start-up der Welt“-  in Mumbai u.a. mit der Aufgabe befasst, ein für alle bezahlbares mobiles Netz in Indien aufzubauen. Was für eine Vision! Alleine im Piloten sind 15.000 Teilnehmer involviert.

 

Was kostet Unternehmen eigentlich die Angst vorm Scheitern?

Wendepunkte in Unternehmen wurden mit Helga Rübesam-Schaeff, Forian Kaps, Anne Koark und Hans-Dietrich Reckhaus diskutiert, die als „Wechsler, Firmendreher, Aussteiger und Umsteiger“ tituliert wurden. Besonders bewegt hat mich das Interview mit Anne Koark. Sie ging mit ihrem Unternehmen Pleite und verarbeitete ihre Insolvenz-Erlebnisse in dem Buch „Insolvent und trotzdem erfolgreich“. Damit ebnete sie in Deutschland den Boden dafür, konstruktiv mit Konkurs und Insolvenz umzugehen und förderte eine „Kultur des Scheiterns“. Mittlerweile ist sie erfolgreiche Beraterin für Politik und Wirtschaft. Auf ihrer Visitenkarte steht „Pleitier“. Eine packende Persönlichkeit, die zwar nicht jede Woche Insolvenz anmelden möchte: Aber sie weiß, dass sie wieder aufstehen kann. Wow!

Für Unternehmen und deren Kultur des Scheiterns hatte sie auch noch etwas im Rucksack. Und zwar die Frage: Was kostet Unternehmen eigentlich die Angst vor dem Scheitern? Entscheidungen, die verzögert oder nicht getroffen werden aus Angst zu viel zu riskieren oder Fehler zu machen geschweige denn aus ihnen zu lernen. Eine Perspektive, die wahrscheinlich noch zu wenige einnehmen.

Einen Wendepunkt, den ich nicht verbergen möchte, ist der vom Unternehmer Hans-Dietrich Reckhaus aus Bielefeld. Seinen Wendepunkt leitete eine Gruppe von Künstlern ein! Ursprünglich engagierte er sie für eine Marketingkampagne für ein Insektenbekämpfungsmittel. Ihre Antwort: Insekten sind viel zu wichtig für die Natur als dass man sie bekämpfen sollte. Das war der Startschuss für eine Nachhaltigkeitsoffensive seines Unternehmens. Natürlich, man kann auch hinter dieser Story eine Marketing-Kampagne vermuten. Aber eine gute Geschichte ist es – und ein Wendepunkt, der Nachhaltigkeit in die Insektenbekämpfungsbranche transportiert.

 

Menschen und ihre Wendepunkte

Am Nachmittag berichteten dann noch Volkert Ruhe, Jannike Stöhr und Emilio Zugaro von ihren Wendepunkten. Richtig cool war Jannike Stöhr: Als Berufsanfängerin frustriert von ihrer aktuellen Situation im Job nahm sie eine Auszeit von 3 Jahren mit dem Ziel, in 30 Jobs hinein zu schnuppern! Ziel: den Traumjob finden. Sie hat alles gemacht: Alternpflegerin, Pathologin, Tierärztin, EU-Parlamentarierin und noch viel mehr (immer mit Praktika). Nun steht sie kurz vor dem Ende der 3 Jahre – sie weiß zwar noch nicht, was als nächstes kommt – aber was für ein inspirierender und mutiger Schritt!

 

Und in den Pausengesprächen: Mansplaining

Ja, und die lustigsten Impulse kommen dann beim Kaffeetrinken: Mansplaining! Den Begriff habe ich vorher noch nicht gehört, aber das Phänomen kenne ich schon mein Leben lang. Laut Wikipedia beschreibt Mansplaining die generelle und unreflektierte Annahme des Sprechers, sein Gegenüber wisse weniger als er. Das erste Mal dokumentiert hat es die Publizisten Rebecca Solnit.

„Auf einer Party sagte ihr der Gastgeber, ein älterer, wohlhabender Mann, er habe gehört, dass sie einige Bücher geschrieben habe. Sie begann, über ihr kurz vorher veröffentlichtes Buch über Eadweard Muybridge zu sprechen. Daraufhin unterbrach ihr Gegenüber sie mit der Frage, ob sie von dem kürzlichen Erscheinen eines ausgesprochen wichtigen Muybridge-Buchs gehört habe, und erging sich, ohne eine Antwort abzuwarten, in Auslassungen über das Buch, das er – so stellte sich später heraus – nur aus Rezensionen kannte. Der wiederholte Einwurf von Solnits ebenfalls anwesender Freundin, es handle sich dabei um Solnits Buch, fand erst beim dritten oder vierten Mal Gehör, verschlug dem Herrn jedoch nur einen Moment lang die Sprache.“ (wikipedia, Stand 2016, 27.5.2016 11:11).

Wer hat das nicht schon mal erlebt. Unangenehme Gespräche über Allgemeinplätze, die als Wahnsinnserkenntnis kommuniziert werden.

Ich möchte das nun gar nicht weiter kommentieren und in eine (feministische) Debatte ausarten lassen – für die ich immer gerne zu haben bin. Bei dieser Debatte würden wir dann auch darüber sprechen, dass wieder einmal deutlich mehr Männer als Frauen auf der Bühne der Konferenz waren, sowohl bei den Moderatoren als auch bei den Podiums-Gästen. Das Fass mache ich aber jetzt nicht mehr auf …

Zum Schluss noch mal kurz zurück zur Konferenz: Es ging um Wendepunkte. Davon habe ich auf der Konferenz viel erfahren – und es hat mir Mut gemacht, vielmehr zu wagen mit Blick auf die eigenen möglichen Wendepunkte im Leben.

 

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Charlotte Heidsiek

Über den Autor

Dr. Charlotte Heidsiek, Management Consultant bei Detego GmbH & Co. KG, ist auf das Thema Führung spezialisiert. Von der strategischen Neuausrichtung von Führungskultur über Leadership-Programme bis hin zum individuellen Coaching berät sie Unternehmen auf nationaler und internationaler Ebene. Besonders schlägt ihr Herz beim Thema „Frauen in Führung“!

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