Wesensmerkmale: Wer bin ich eigentlich? Wenn die Schere zwischen Privat und Beruf zu weit aufgeht

„Eigentlich ist er ganz nett, er zeigt es nur so selten“: So oder ähnlich könnte man das Thema „Wesensmerkmale“ auch überschreiben. Im Büro ein „……“ (den Ausdruck überlassen wir Ihrer Phantasie), privat ein supersympathischer Typ? Wie kann das sein? Und ist der Betreffende damit selbst glücklich? Oder merkt er gar nicht, was da passiert?

 

 

 

Wenn private und berufliche Wesensmerkmale allzu stark auseinanderklaffen, ist das mindestens schon mal ein Warnsignal: „da stimmt was nicht!“ Aber wo und bei wem stimmt was nicht?  In meinen Coachings ist für mich immer wieder erstaunlich, wie kreativ Coachees werden können, wenn es darum geht, Argumente und Begründungen für Störgefühle bis hin zum Stress zu finden, die außerhalb ihrer eigenen Persönlichkeit liegen.

Mal ist es die neue Produktlinie, die am Markt fluppt, mal der Vorgesetzte, der einfach nicht einsehen will, dass mit der ausgefeilten Strategie seines Mitarbeiters das Unternehmen reüssieren wird. „Aber bei mir ist sonst alles okay!“ Ist das so?

Nicht selten sind diffuse Existenzängste die tieferliegende Ursache für das Abschieben des Empfindens „irgendwas läuft hier schief“ auf externe Faktoren. In sich selbst hineinzuschauen, könnte heißen, etwas zu entdecken, was nicht so erfreulich ist:

Bin ich eigentlich der Richtige für diesen Job? Oder anders herum gefragt: Ist dieser Job der richtige für mich?

 

„Da sage ich stets: ‚Achtung Modell'“

Wenn zwischen den natürlichen Ressourcen eines Menschen und den Tätigkeitsanforderungen in seinem Arbeitsumfeld nur eine sehr geringe Übereinstimmung besteht, entsteht im Regelfall ein destruktives Spannungsfeld. Wie aber können wir solche Störungen „dingfest“ machen? Das Messinstrument INSIGHTS MDI® kann wertvolle Hinweise liefern, auf die natürlichen Wesensmerkmale und Ressourcen eines Menschen und sein zu vermutendes Verhalten in Arbeits- und / oder Stresssituationen. Ich spreche bewusst von ‚Hin-weisen‘ im Gegensatz zu ‚Be-weisen`.

Denn wie bei allen Testverfahren basiert INSIGHTS MDI® eben auf Modellen und da sage ich stets: ‚Achtung Modell!‘ Es ist der Versuch, komplexe psychologische Phänomene ‚besprechbar‘ zu machen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung hat zu Gegensatzpaaren geforscht, u. a. Extraversion versus Introversion und eher verstandesmäigen Wahrnehmen und Urteilen oder eher gefühlsmäßiges. Das rote Feld zeigt den extravertierten denker, das Gelbe den extravertierten Fühler, das grüne den introvertierten Fühler und das blaue den introvertierten Denker.

Denken oder Fühlen? Introvertiert oder extravertiert? Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat aus diesen Gegensätzen vier Grund-Typen hergeleitet.

Das  ausgefeilte Persönlichkeitsmodell, dessen wissenschaftliche Wurzeln und Entstehung wir schon im Beitrag „Direktor oder Berater“  beschrieben haben, beruht auf der Annahme von vier typischen Wesensmerkmalen mit daraus resultierenden Verhaltensstilen. Der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung unterschied zwischen den jeweiligen Gegensatzpaaren Extraversion versus Introversion und Vernunft versus Gefühl – und entwickelte daraus vier Kombinationen.
Rot:    Der extravertierte Denker
Gelb:    Der extravertierte Fühler
Grün:    Der introvertierte Fühler
Blau:    Der introvertierte Denker

Selbstverständlich ist ein Mensch komplexer und es finden sich bei jedem von uns alle vier Tendenzen. In der Praxis entdeckt man jedoch häufig ein dominantes Verhaltensmuster. Im Ergebnis geht das Messinstrument von 60 „Typen“ mit 384 Verhaltenstendenzen aus. Und auch da bleibt noch genug Raum für die persönliche Interpretation.

Besonders hilfreich für meine Arbeit ist die Unterscheidung, die INSIGHTS MDI® zwischen Verhaltensstilen trifft, die wir unabhängig von äußeren, meist beruflichen, Erfordernissen, zeigen – und solchen, die wir in unserem beruflichen Umfeld kultivieren. Im ersten Fall sprechen wir von Basisstil. Im zweiten von adaptiertem Stil.

Nennen wir ihn einmal Berthold B. Hauptgeschäftsführer, der mit seiner Expertise nicht hinter dem Berg hält und seine Mitarbeiter kraft seines überlegenen Verstandes führt. Eindeutig im roten Bereich nach Jung, ein extravertierter Denker. Aber ist er das wirklich oder glaubt er nur, dass dieses Verhalten auch seinem Wesen entspricht? Weil man als Chef halt so sein muss? Grob gefragt: Macht er sich was vor? Und steckt vielleicht ein eher in-sich-gekehrter Sensibler hinter der „rauen Schale“? Könnte die immer häufigere Gereiztheit und Ungeduld, die Berthold B. im Tagesgeschäft zeigt, ein Resultat des Auseinanderklaffens von Basis- und adaptiertem Stil sein?

 

„Extrem vorsichtig in der Interpretation“

In der Ergebnisdiskussion mit meinen Coachees bin ich stets extrem vorsichtig in der Interpretation und spreche sehr viel in Konjunktiven. Insbesondere wenn Basis- und adaptierter Stil weit auseinander liegen, versuche ich durch gezieltes Nachfragen herauszubekommen, inwieweit sich mein Klient in den vorliegenden Ergebnissen wiederfindet.
Richtig rund wird das Instrument dann mit dem Einsatz der sog. ASA (=Arbeitsstellenanalyse). Jetzt stehen vier Vergleichskomponenten zur Verfügung:

  • das Aufgabenprofil, also die spezifischen Anforderungen an eine Aufgabe bzw. Stelle,
  • die hiermit verbundenen Ziele und die Ergebnisse, die erreicht werden sollen, sowie
  • das hierfür zielführende Verhalten (adaptierter Stil)
  • und der Basisstil des  Mitarbeiters bzw. Bewerbers auf diese Position.
Im wissenschaftlich fundierten Diagnosetool Insights MDI, das typische Verhaltensweisen misst, werden nicht nur grundlegende Typologien eruiert, sondern auch Maßstäbe angelegt, ob en bestimmtes Verhalten im Umfeld anerkannt wird oder nicht. So kann es geschehen, dass Menschen in ihrem privaten Umfeld gänzlich andere Verhaltenseisen an den Tag legen als in ihrem Job. Etwa, wenn sie privat eher gesellig sind und gerne plaudern, im Job aber Konzentration, höchste Disziplin und sehr leistungsbetontes Denken und Arbeiten gefordert werden. Wenn sich hier die persönlichen und die beruflichen Werte und Anforderungen allzusehr voneinander unterscheiden, ist die Frage berechtigt, ob dieser Mensch der richtige für diesen Job ist. Und vor allem, ob er dort nicht verzweifelt. Solche Messungen und Vergleiche ermöglicht das Diagnosetool Insights MDI

In diesem Diagramm werden der persönliche Basisstil eines Menschen, sein auf die beruflichen Erfordernisse adaptierter Verhaltensstil und sein Arbeitsplatzprofil in Vergleich gesetzt.

Damit kommt eine Betrachtungs- und Interpretationsdimension zum Tragen, die der  Wechselwirkung von Mensch und Situation Rechnung trägt: Wie stark wirkt die berufliche Situation wiederum auf das Verhalten eines Menschen? Wie sehr passt sich dieser Mensch seiner Umgebung an? Formen wir die Situation oder formt die Situation uns?

Die nebenstehende Abbildung  zeigt das Auseinanderfallen von drei Koordinaten:

Schwarzes Quadrat: Das Arbeitsplatzprofil fordert den Motivator, der das Team im Interesse von Benchmarks und Marktpositionierungen zu Höchstleistungen treibt.

Roter Stern: In seinem beruflichen Umfeld erwartet man von dem Stelleninhaber inspirierendes Verhalten mit hoher Flexibilität. Er hat hier durchaus eine herausragende Position.

Blauer Punkt: Im persönlichen, berufsunabhängigen Umfeld ist dieser Proband eher ein teamorientierter, kooperativer Berater. Er begleitet andere in ihren Gedanken und Entscheidungsprozessen und stellt sich nicht in den Mittelpunkt.

Die Herausforderung im Coaching besteht nun in der Übertragung der Ergebnisse auf die konkreten Gestaltungsspielräume des Probanden und in der Begleitung des Probanden, selbst eine Antwort zu finden. Bisher waren selbst größte Skeptiker im Anschluss ans Coaching von der Validität des Tools überzeugt. Natürlich bleiben Restanten, aber unter 95 % Übereinstimmung ist noch kein Coachee aus dem Gespräch gegangen und das ist ja schon eine nutzbare Grundmenge.

 

Weitere Beiträge zu den Tools INSIGHTS MDI® und ASSESS:

Kompetenzprofil pro Führungsebene

High Potentials in KMU

Direktor oder Berater?

Der Mensch hinter der Position

Vom Mitarbeiter bis zum Chef

Jörg Wacha

Über den Autor

Joerg Wacha, Partner der DETEGO GmbH & Co. KG, hat einen Arbeitsschwerpunkt in der Beratung von Vertriebsorganisationen mit der Zielsetzung einer kundenorientierten Kultur sowie der Gestaltung komplexer und anspruchsvoller Veränderungsprozesse. Beim Führungskräfte-Coaching arbeitet er mit Potenzialanalysen.

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