Work-Life-Balance: „Die anderen sind die Wahnsinnigen, nicht Sie!“

Neulich in einem Coaching mit einer Führungskraft: Wir sprachen zur Work-Life-Balance und vor allem über die Herausforderung, den (hohen) Anspruch als Führungskraft und als Elternteil miteinander zu vereinbaren.

Als es konkret darum ging, den zeitlichen Rahmen abzustecken, machte ich den – durchaus provokativ gemeinten – Vorschlag, „einfach“ in der Regel um 17 Uhr zu gehen und den Griffel fallen zu lassen. Klar, das ist heutzutage nicht umzusetzen. Aber interessant war dann unsere Diskussion, die sich entfachte. Meine Klientin ließ nämlich in einem Nebensatz verlauten: „Die anderen erklären mich doch für verrückt, wenn ich so früh gehe!“. Und da bin eingestiegen:

 

Work-Life-Balance: Wer ist eigentlich verrückt?

Derjenige, der sein Leben im Schwerpunkt im Unternehmen und der Welt verbringt und Familie, Freunde und sich selbst zweimal die Woche zwischen 19 und 20 Uhr unterbringt (denn abends werden ja die Mails beantwortet, die am Tag zwischen den ganzen Sitzungen nicht bearbeitet werden konnten)? Oder derjenige, der das erledigt – und priorisiert/delegiert – was gemacht werden muss und sich um sich selbst, seine Familie und seine Freunde kümmert (und was sonst noch so ansteht)?

Ich finde, dass der Lebensalltag heutiger Führungskräfte (und natürlich auch der Mitarbeiter) tatsächlich ver-rückt ist. Mag diese These nicht neu sein, ermutigt diese Erkenntnis aber bestimmt, sich stärker von der Arbeit abzugrenzen mit dem Ziel, eine Balance zwischen Arbeit und Privatem zu finden. Diejenigen, die 24 Stunden arbeiten sind verrückt, nicht du! Und keine Angst: langfristig zahlt sich diese Haltung bestimmt auch auf die Leistungsfähigkeit aus!

 

Eine Frage der Haltung

Mein Ziel im Coaching ist grundsätzlich, dass die Person zufrieden mit dem ist, wie sie ihr Leben gestaltet. Das ist vor allem eine Frage der Haltung. Es macht einen Unterschied, ob ich um 17 Uhr mit einem guten oder mit einem schlechten Gefühl nach Hause gehe bzw. dem Gefühl, dass ich oder eben die anderen verrückt sind. Permanent zu denken, ich falle aus dem Rahmen, führt – auch wenn ich früher als die anderen gehe – zu Unzufriedenheit. Permanentes Defizitdenken macht doch keinen Spaß!

Meiner Klientin auf jeden Fall hat der Gedanke sehr geholfen. Es geht darum, das eigene Leben proaktiv in die Hand zu nehmen und positiv zu gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass diese Haltung sie auch beruflich weiterbringen wird. Denn diese proaktive Haltung bringt ihr auch Energie im beruflichen Kontext.

 

Work-Life-Balance: Eine Herausforderung für Führungskräfte

Eine Herausforderung, vor der meiner Auffassung nach alle Führungskräfte heutzutage stehen, ist, dass es keine Vorbilder gibt. Wir kennen niemanden, der mit dieser Form von Globalisierung, Digitalisierung und Dynamik umgehen musste. Es gibt keine evidenzbasierte Studie „10 Erfolgsschritte in der Globalisierung“. Es herrscht ein noch dagewesener Grad an Komplexität. Klar, die Gesellschaft und Unternehmen arbeiten an ihren Antworten für diese Herausforderungen (und machen auch viel). Aber auf der Ebene der einzelnen Führungskraft sehe ich aktuell die einzige Lösung darin, zu lernen, sich abzugrenzen und wieder auf darauf zu besinnen, was wir ein Stück verlernt haben: dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen und die eigenen Grenzen zu respektieren. Es fehlen einfach die Vorbilder!

 

Offener Interessendialog im Unternehmen

Meiner Ansicht nach ist der Schlüssel zu mehr Zufriedenheit (und Gesundheit und Erfolg) mutig zu sein, auf die eigene innere Stimme und die eigenen Grenzen zu hören. Ganz wichtig dabei: diese zu kommunizieren! Ziel ist ein Dialog innerhalb des Unternehmens, in dem die eigenen Interessen mutig eingebracht und tatsächlich verhandelt werden mit denen der anderen.

Wunderbar finde ich es, dazu die These der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ des Sozialphilosophen Jürgen Habermas aus den 1970er Jahren zu bemühen. Er beschrieb das, was uns allen zu schaffen macht: den Übergriff der Arbeit auf unser Leben, zugespitzt durch die digitalen Medien. Nun geht es darum, schrittweise die eigene Lebenswelt wieder zurückzuerobern mit der Option, die Arbeitswelt (in der Sprache von Habermas die „Systeme“) zu kolonialisieren. Aktuell geschieht da auch sehr viel: Work-Life-Balance, Achtsamkeit sind Phänomene, die zunehmend ernsthaft berücksichtigt werden.

In der Führungskräfteentwicklung und in meinen Coachings – und auch natürlich in meinem eigenen Leben – begegnet mir diese Herausforderung immer wieder. Und mit Blick auf die zugespitzte Situation nehme ich gerne die Rolle der Provokateurin ein. Oder auch die der Rebellin, das ist nämlich das, was sich meine Klientin vornimmt: die rebellische Haltung gegenüber den Normen und Erwartungen, die aktuell noch in Unternehmen vorherrschen, aber definitiv nicht die Antwort und die Lösung für die Zukunft sind.

Ich wünsche uns allen viel Mut!

 

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Charlotte Heidsiek

Über den Autor 

Dr. Charlotte Heidsiek, Management Consultant bei Detego GmbH & Co. KG, ist auf das Thema Führung spezialisiert. Von der strategischen Neuausrichtung von Führungskultur über Leadership-Programme bis hin zum individuellen Coaching berät sie Unternehmen auf nationaler und internationaler Ebene. Besonders schlägt ihr Herz beim Thema „Frauen in Führung“!

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